Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH

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Das Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH – ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Man kann die Bibel in- und auswendig kennen und trotzdem das Wesentliche überlesen

Der Wald und die vielen Bäume

iStock/VHammerBrille und Bibel: Welche Sehhilfe braucht man, um die heilige Schrift zu verstehen?

privatFelipe Blanco Wißmann ist Pfarrer in Reinheim.

Gottlob, wie bin ich reformiert! Sprach mancher Protestante, stolz mit der Bibel dekoriert, obwohl er sie nicht kannte.« Kann dieser Reim etwa auch als Beschreibung von Menschen gelesen werden, die besonders intensive Bibelleser sind? Jedenfalls macht Jesus diesen Vorwurf seinen Gesprächspartnern im Johannesevangelium (Johannes 5,39 f): Ihr lest in den Schriften, aber ihr erkennt nicht das Wesentliche – ihr erkennt mich, Jesus, nicht, obwohl die Bibel von mir zeugt.

Aber, Moment einmal: Jesus spricht doch seine Worte nicht zu irgendeinem »Protestante«. Sondern ausdrücklich zu »den Juden« (Johannes 5,18). Ja, so steht es da. Aber das soll uns nicht auf falsche Gedanken bringen. Ein Judentum im Unterschied zum Christentum gab es damals noch nicht. Es unterhalten sich im Johannes-Evangelium Juden mit Juden, Abrahamskinder sprechen und streiten mit Abrahamskindern. Es geht hier nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Menschen, die weit voneinander entfernt sind. Auch wir heute geraten manchmal gerade mit denen in Streit, die uns nahe stehen, nicht mit denen, die ferne sind. Misslungene Familienfeiern erinnern uns daran.

Ihr lest die Bibel, aber ihr erkennt nicht das Wesentliche. Dieser Kritik von Jesus können wir uns so schnell nicht entziehen. Diese Gefahr besteht auch noch heute: Dass wir viel über die Bibel reden, viel in der Schrift lesen, aber dennoch den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Wo sind wir Christinnen und Christen falschen Propheten hinterhergelaufen? Wo haben wir die Liebe Gottes nicht bezeugt? Wer etwa in der Bibel immer zuerst eine Drohbotschaft gegen andere liest, aber nicht den Aufruf zur Nächstenliebe hört, muss sich fragen lassen: Erkennst du wirklich, wovon die Bibel spricht?

Jesus redet im Johannes-Evangelium zu einigen bestimmten jüdischen Zuhörern und gerät mit ihnen in Streit. Allgemeine Sätze über »die Juden« lassen sich daraus nicht ableiten. Jesu Gegner haben zwar aus der Bibel (damals im Umfang unseres heutigen Alten Testaments) nicht den Schluss gezogen: Gott ist in Jesus erkennbar, präsent. Das bedeutet aber nicht, dass jüdische Menschen den wahren Gott nicht kennen oder nichts von der Bibel verstünden. Im Gespräch mit ihnen steht heute das ehrliche Interesse aneinander im Vordergrund, die ernst gemeinte Frage: Wie verstehst du diese oder jene Stelle in der Bibel?

Jesus führt Mose als Zeugen für sich an (Johannes 5,45-47). Er bezieht sich also auf die Thora, die fünf Bücher Mose. Sicher, Menschen aus dem Judentum werden in der Regel nicht von Mose auf den Glauben an Jesus schließen. Das ist so. Uns als Christinnen und Christen sollte aber bekümmern, wenn Jesus ohne Mose verstanden werden soll. Wenn also versucht wird, Jesus oder das Neue Testament vom Alten Testament zu trennen. Natürlich gibt es Unterschiede. Kritisch wird es, wenn ein Gegensatz zwischen Judentum und Christentum behauptet wird. Denn dann besteht die Gefahr, dass wir wirklich nur noch mit der Bibel dekoriert sind, ohne sie zu kennen.

Von Felipe Blanco Wißmann

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