Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH

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Das Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH – ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Wachstum als System

Gottesfurcht und Genügsamkeit

Foto: dpa/Sven SimonDie Leichtathletinnen beim Zieleinlauf im Finale über 100 Meter Hürden bei der Weltmeisterschaft 2017 in London. Wer am schnellsten die Hindernisse überwindet, gewinnt. Macht das zufrieden? Wie lange?

Foto: privat/Silja BernspitzRaimund Wirth ist Pfarrer der Paulusgemeinde in Darmstadt.

Sie hatte die Stelle tatsächlich: Bereichsleiterin Entwicklung bei einem Maschinenbauer. Als Anja die Zusage bekam, war sie überwältigt. Seit Studienzeiten hatte sie von einer solchen Position geträumt und darauf hingearbeitet. Es überraschte sie dann doch, dass sie mit ihren 32 Jahren schon am Ziel sein würde. Sie war glücklich. Bald aber kam die Krise. Wenige Tage nach der guten Nachricht fiel Anja in eine tiefe innere Leere. Fast schon verzweifelt rief sie mich an. »Ich habe geschafft, was ich wollte«, sagte sie. »Aber ich bin total ausgelaugt und leer. Und ich frage mich: Was kommt danach? Kommt überhaupt noch etwas? Oder ist der nächste Schritt die Rente?«

Was Anja erlebt, nennt die Psychologie Midlife Crisis. Wichtige Ziele sind erreicht. Grenzen werden sichtbar. Ich nehme wahr: Es geht nicht immer weiter nach oben. Vor allem: Ich bleibe immer noch dieselbe, wenn ich Ziele erreicht habe. Ich bleibe mir erhalten, mit allen Stärken und Schwächen. Wir haben lange geredet. Anja wurde klar, dass sie im Bewerbungsprozess über ihre Grenzen gegangen war. Die Reserven waren aufgebraucht. Ein Teil der Krise war der Schrei von Körper und Seele nach Erholung.

Aber wir entdeckten noch mehr. Wir kamen auf die Werte zu sprechen, die in der Gesellschaft gelten. Eine Midlife Crisis entsteht nicht im luftleeren Raum. Das Ende des Aufstiegs schmerzt auch deshalb, weil Genügsamkeit nicht vorgesehen ist. Ein auf Wachstum orientiertes System bereitet den Einzelnen nicht vor, »es genug sein zu lassen«. Es muss weitergehen: höher, schneller, besser. Manche sagen, das sei alternativlos. Renten und Sozialleistungen ließen sich nur bezahlen, wenn das Bruttosozialprodukt stetig steige. Und Konkurrenzfähigkeit im globalen Wettbewerb habe nun einmal den Preis, die Produktivität immer weiter zu erhöhen. Unsere Gesellschaft könne nur dynamisch stabil sein.

Anja erkannte, wie sie die Werte einer Wachstumsgesellschaft verinnerlicht hatte. Viele kennen deren Imperative: »Sorgt für euren Aufstieg! Stellt euch ein auf lebenslanges Lernen! Holt das Beste aus euch heraus!« Wo aber bleibt die Erlaubnis, irgendwann anzukommen? An einem Ziel zu sein, gilt nicht als Ziel. Genügsamkeit wird nicht eingeübt. Der kollektiven DNA fehlt dieses Gen: für Erreichtes dankbar zu sein, ihm Raum und Resonanz zu geben, das Ankommen auszuhalten und sogar zu genießen. Es wird dem Einzelnen überlassen, das zu lernen, während die Gesellschaft weiter beschleunigt.

Das Gespräch mit Anja hat mich lange beschäftigt. Von ihrer persönlichen Krise waren wir zur Frage gekommen: Wie prägt uns die Lebenseinstellung einer Zeit – unbewusst und doch sehr wirksam? Und die nächste Frage heißt dann: Wie vermehren wir unsere Freiheit? Die Weisheit der Bibel und der kirchlichen Tradition kann helfen, Freiräume zu erweitern. Etwa mit der nachdenkenswerten Definition von Gewinn, die der erste Timotheusbrief anbietet: »Ein großer Gewinn ist die Gottesfurcht zusammen mit Genügsamkeit.« (1. Timotheus 6,6)

Raimund Wirth

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