Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH

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Das Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH – ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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... auch wenn für sie in der Welt kein Platz zu sein scheint

Ich plädiere für Hoffnung

iStock/NikkiZalewskiHände reichen über den dunklen Grund hinweg.

privatUrsula Baltz-Otto ist Theologin und Germanistin. Sie lebt in Mainz.

Es kommt die Zeit ...«, steht im Prophetenbuch Jeremia. Das sind Worte, die Hoffnung wecken. Es sind Sehnsuchtsworte in einer Zeit, in der für Hoffnung wenig Raum besteht. Was um alles in der Welt könnte Grund zu der Hoffnung geben, dass Terror, Krieg und Gewalt aufhören? Dass Menschen unterschiedlicher Religionen, Hautfarben, Weltauffassungen friedlich miteinander leben können? Dass Profitsucht und Machtstreben weniger werden? Nein, aus dem Zustand der Welt lassen sich solche Hoffnungen nicht ableiten. Die Dichterin Hilde Domin hat geschrieben: »Die Sehnsucht / nach Gerechtigkeit / nimmt nicht ab / Aber die Hoffnung / Die Sehnsucht / nach Frieden / nicht / Aber die Hoffnung«.

Trotzdem. Ich hoffe auf ein friedliches Leben. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Aber das kann ich doch nur sagen, wenn ich mich nicht in die Hoffnungslosigkeit fallen lasse. Es klingt paradox: Nur wer heute davon spricht, dass er keine Hoffnung mehr hat, hat die Hoffnung auf Veränderung noch nicht aufgegeben. Mit diesem Widerspruch habe ich es auch im Advent und an Weihnachten zu tun.

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte des biblischen Volkes Israel an seinem Tiefpunkt. Jerusalem ist zerstört, die Bewohner sind verschleppt und leben im Exil. Sie sind fern vom Ort ihrer Toten. Sie haben keinen Tempel mehr zum Beten. Nichts ist wie früher. An diesem Tiefpunkt sagt der Prophet Jeremia: »Siehe, es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Sein Name wird sein: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.« (Jeremia 23,5 f.)

Das sind Worte der Hoffnung in einer hoffnungslosen Lage. Sie verheißen: Es kommt die Zeit. Sie ist noch nicht da. Jeremia verkündigt gegen alle Realität seiner Zeit: Gerechtigkeit ist keine Phantasie; ihre Zeit kommt noch. Alles wird neu werden, nie dagewesen. Das ist Jeremias Vision. Die Zeit kommt, wo trotz Dunkelheit etwas licht und hell wird.

Die Gefahr ist, dass wir mit der großen Vision des Jeremia unsere reale Situation übertünchen. Die Paradoxie zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit ist auszuhalten. Hoffnungslosigkeit mobilisiert damals wie heute Hoffnung. Diese Hoffnung lässt sich nicht ein auf unsere Verlegenheitsargumente wie »Es wird schon nicht so schlimm kommen« oder »Es wird schon einen Ausweg geben«. Jeremias Vision hat eine andere Dimension. In aller Hoffnungslosigkeit verheißt er: »Es kommt die Zeit.«

So gilt auch mein Plädoyer einer größeren Hoffnung trotz Hoffnungslosigkeit.

Hoffnung ist Widerspruch gegen Täuschung und Selbsttäuschung. Es kommt die Zeit. Dafür zu leben lohnt sich. Vielleicht wird dann auch eine neue Richtung des Denkens und Hoffens anbrechen. Leid, Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden nicht das Letzte sein. Diese Vision ist Advent.

»Alles beginnt mit der Sehnsucht / Immer ist im Herzen Raum für mehr / Für Schöneres, für Größeres …« Das sagt die große jüdische Dichterin Nelly Sachs. Alles beginnt mit der Sehnsucht. Diese Wahrheit weist auf Ausstehendes hin, auf ein Noch-nicht. Im Sehnsuchtswort liegt die Hoffnung, die Wirklichkeit zu verwandeln.

Von Ursula Baltz-Otto

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