Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH

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Das Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH – ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Fasten ohne Fassade

Sich zeigen, wie man ist

Foto: esz/Dorothee DeissUngeschminkt. Diese Frau zeigt sich in ihrem Garten, wie sie ist: mit Strubbelhaar und Zahnbürste.

Foto: Rost/ELKBSusanne Breit-Keßler ist Regionalbischöfin für München und Oberbayern sowie Vorsitzende des Kuratoriums für die Fastenaktion »7 Wochen ohne«.

Zeig' dich. Das neue Fastenmotto scheint genau in die Zeit zu passen. Menschen versuchen, sich allenthalben von ihrer besten Seite zu zeigen: Politiker und Politikerinnen, Expertinnen und Fachleute jeder Couleur präsentieren bei Interviews im Radio und in Fernseh-Talkrunden so geschickt wie möglich ihre Meinung samt eigener glanzvoller Persönlichkeit. In Quizsendungen, bei Wettbewerben für einen Modelvertrag, als Liebeskandidat bei einer »Bachelorette« oder einfach dann, wenn es gilt, im Fernsehen groß rauszukommen, wollen Menschen den Applaus der Publikums erringen.

Die Ergänzung des Fastenmottos sollte allerdings stutzig machen. 7 Wochen ohne Kneifen. »Kneif mich mal«, sagt man, wenn man nicht glauben will, was passiert. Kann das sein? Ist das wirklich wahr? Kneifen tut weh, zumindest ein bisschen. Aber es macht wach und aufmerksam. Ich kneife mich zum Beispiel immer dann selbst, wenn ich in Gefahr bin, einen peinlichen Lachkrampf zu kriegen – und der führt einen ja auch von der Realität erst einmal weg. Ich kneife mich, wenn ich nicht abdriften, stattdessen ganz da sein und nichts verpassen möchte. Kneifen. Ein leiser Schmerz, der einen zurückholt in die Wirklichkeit.

Hinschauen, sich zeigen ohne Kneifen, das bedeutet: das Sein zu entdecken, den Schein von der Realität wegzuziehen und genau hinzusehen. Auf sich selbst, auf andere. Zeig dich – 7 Wochen ohne Kneifen. Das sind sehr persönliche Fastentage ohne schöne Fassade. Wer die Angst ablegt, sich zu zeigen, wie er ist, wer den Willen hat, deutlich zu machen, wofür sie einsteht: So ein Mensch gibt etwas von sich her, gibt preis, was sie denkt oder er fühlt und meint.

So ein Mensch macht sich damit natürlich auch angreifbar. Haltung kostet eine Menge. Den Verzicht auf Versteckspiele und Verdrängen, auf ein »So-tun-als-Ob«. Auf grandiose Selbstinszenierungen und (Selbst-)Täuschungen. Das klingt zum Beispiel so: Es geht mir heute nicht gut; komm bitte zu mir. Ja, ich habe Angst vor der Prüfung und brauche deine Hilfe. Natürlich glaube ich an Gott – ich bin Christin. Hör auf, so über alte Menschen zu spotten, über Politiker zu lästern, Migrantinnen anzugreifen. Mit mir läuft das nicht! Lass uns reden. Vater, ich möchte mit dir darüber sprechen, wie es mir ging, damals, als ich ein Kind war. Es ist mir egal, wie lange das noch dauert – ich sage jetzt meine Meinung!

Zeig dich. 7 Wochen ohne Kneifen. Wer das mitmacht, braucht echt Mumm in den Knochen. Den Mut, aus den bequemen Verstecken des Lebens zu kommen, die eigene Wahrheit zu entdecken und die anderer. Die Tapferkeit, Fehler, Schwächen, Schuld und Versäumnisse einzugestehen und sie auch bei anderen zu benennen. Den Geist, Perspektiven aufzuzeigen, die herausführen aus dem, was nicht gut tut. 7 Wochen ohne Kneifen. Wer da mitmacht, braucht die Lust, sich dem Leben zu stellen, auch wenn es erst einmal weh tut. Zeig' dich! 7 Wochen ohne Kneifen. Das passt nicht in die Zeit. Das braucht sie.

Susanne Breit-Keßler

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