Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH

Angebote und Themen

Das Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH – ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

hr2 Morgenfeier

Wer sucht, der findet

[privat]Portraitbild: Pfarrerin Vera LangnerPfarrerin Vera Langner

„Kind, hast du meine Brille gesehen?“, so habe ich meine Großmutter noch immer im Ohr. Sie war oft ganz verzweifelt, weil sie entweder die eine oder die andere Brille suchte.

Als Kind konnte ich ihr die größte Freude machen, wenn ich die gesuchte Brille nach kurzer Zeit fand und ihr brachte. Und natürlich war ich jedes Mal mächtig stolz über meinen Erfolg und ihre dankbare Freude.

Heute suche ich öfter mal die eigene Brille. Brillen, Schlüssel, Portemonnaies, das sind wohl die Gegenstände, die immer mal wieder gesucht werden müssen, weil ohne sie etwas Entscheidendes fehlt. Ohne Brille kann ich nicht mehr lesen, ohne Schlüssel steh ich vor verschlossener Tür, ohne Portemonnaie kann ich nicht einkaufen. Es ist also notwendig, das Verlorene zu suchen und zu finden. Und manchmal ist es zum Verrücktwerden, weil der vermisste Gegenstand wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Hatte ich die Brille nicht genau hierher gelegt? Und jetzt ist sie nicht mehr da. Die Suche kann nervenaufreibend werden, sogar Ängste auslösen oder in Selbstzweifel führen. „Bin ich noch ganz klar im Kopf?“ Aber dann heißt es geduldig zu suchen, auch wenn es viel Zeit kostet, Energie braucht und manchmal die Hilfe anderer, damit am Ende doch noch die Suche erfolgreich ist.

„Findemeister“, so habe ich meine Tochter früher genannt. Denn sie war oft in der Lage, Dinge zu finden, die ich gerade verzweifelt suchte. Vielleicht hat sie die Welt mit ihren Kinderaugen anders gesehen, sodass sie leichter fand, was ich suchte. Vielleicht hatte ich selbst als Kind noch einen anderen Blick auf die Welt, und konnte deshalb der Großmutter bei der Suche nach der Brille behilflich sein.

Suchen und Finden – vielleicht ist das ja sogar ein Grundmotiv unseres Lebens.

Ich wusste genau, dass ich den Schulschlüssel immer in das hintere Fach meiner großen Handtasche steckte, – aber jetzt war er weg. „Schau doch noch mal gründlich nach! In den dunklen Abgründen deiner schwarzen Tasche wird er sich schon finden!“ Ein Satz meines Mannes war das, tröstend und spöttisch zugleich, – half aber auch nicht weiter. Dreimal leerte ich die Tasche komplett aus. Es fand sich vieles drin, – aber kein Schulschlüssel. Dann kamen die Jacken dran, die Schubladen, die Ablageflächen im ganzen Haus. Auch in der Schule wurden alle möglichen und unmöglichen Ecken abgesucht, aber der Schlüssel fand sich nirgends. Es war zum Verrücktwerden. Ich machte mir klar, was an so einem Schulschlüssel alles dranhängt: eine Schließanlage mit dem Zugang zur Haupteingangstür und zu allen Klassenzimmern. Voller Unruhe musste ich nach einer Woche den Verlust der Schulleitung melden. Aber die Schulleiterin war gnädig mit mir und meint: „Machen Sie sich nicht verrückt, er wird sich schon finden.“ Aber ich machte mich verrückt und fand den Schlüssel nicht. 20.000 Euro würde es kosten, die Schlösser der ganzen Schule zu erneuern. Ob dafür eine Versicherung zahlen würde, war nicht sicher. Ich suchte also weiter. Vielleicht war er beim Fahrradfahren aus der Tasche gefallen. Ich suchte also alle Wege noch mal akribisch ab, fragte im Fundbüro nach, aber meine Suche war vergeblich.

Resigniert saß ich nach etwa drei Wochen in meinem Büro, sah meine große schwarze Handtasche an und leerte noch einmal alles aus. Dann fühlte ich mit der Hand in den verschiedenen Fächern nach und plötzlich spürte ich etwas unter dem schwarzen Innenfutter. Zwischen Futter und Leder war etwas Hartes. Und tatsächlich, da kam der Schlüssel zum Vorschein durch ein Loch ich der Naht. Dort war er irgendwie reingerutscht, der aufgetrennte Faden hatte sich aber dann wohl wieder festgezogen und das Loch verschlossen. So war der Schlüssel in den Abgründen der schwarzen Tasche unsichtbar verschwunden gewesen...


Die komplette Morgenfeier von Pfarrerin Vera Langner gibt es ab dem 4. Februar 2018 zum Nachlesen auf  www.rundfunk-evangelisch.de

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top