Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Die Erinnerung an die Novemberpogrome ist präsent in der Henry und Emma Budge-Stiftung

Alte Ängste brechen wieder auf

epd/Steffen SchellhornBlumen und Kerzen vor der Synagoge in Halle. Am 9. Oktober hatte ein Mann während des Gottesdienstes zum Feiertag Jom Kippur in der Nähe zwei Menschen erschossen. Er hat versucht, in die Synagoge einzudringen, was aber misslang.

privatMelanie Lohwasser ist Pfarrerin in der Henry und Emma Budge-Stiftung, der Luthergemeinde in Frankfurt und Mitglied des christlich-jüdischen Arbeitskreises »Im.Dialog« in Hessen und Nassau.

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.« Diese Worte der Schriftstellerin Christa Wolf kommen mir in den Sinn, wenn in der Henry und Emma Budge-Stiftung in Frankfurt der Pogrome vom 9. und 10. November 1938 gedacht wird. Überall im sogenannten Deutschen Reich haben die Nationalsozialisten an diesen Tagen Synagogen angezündet, Geschäfte und Wohnungen von Juden und Jüdinnen verwüstet, jüdische Menschen verprügelt und in Konzentrationslagern inhaftiert. In der Budge-Stiftung, in der ich als evangelische Seelsorgerin arbeite, ist die Erinnerung an die Novemberpogrome präsent. Denn in der Stiftung leben jüdische und nichtjüdische ältere Menschen zusammen. Frauen und Männer, die den Holocaust überlebt haben, gestalten die Gedenkstunde mit.

Die Überlebenden, die meisten schon hochbetagt, entzünden sechs Kerzen für die über sechs Millionen Juden und Jüdinnen aus ganz Europa, die in der Shoah ermordet wurden. Stets ist die sechste Kerze dem Gedenken an die über 1,5 Millionen ermordeter Kinder gewidmet. »Das Vergangene ist nicht vergangen …«

In dem Moment, in dem sie die Kerze entzünden, sehe ich nicht nur die älteren Frauen und Männer vor mir, sondern ich sehe zugleich die Kinder oder Jugendlichen, die sie einst waren: den Jungen, der in einem Kloster in Frankreich versteckt überlebte, aber dafür schon als Kind seine Identität verheimlichen musste. Das 13-jährige Mädchen, das zusammengepfercht mit vielen anderen auf einem Bahnsteig steht und gleich gezwungen wird, in einen Zug einzusteigen, der sie alle ins Todeslager fährt.

Und nicht allein die verfolgten Kinder und Jugendlichen sehe ich in dem Moment des Gedenkens, sondern mir stehen auch jene vor Augen, die sie einmal umgaben: ihre Familienangehörigen, ihre Freunde und Freundinnen, die die Nazis ermordet haben.

»Das Vergangene ist nicht vergangen …« Der aus antisemitischen und rechtsradikalen Motiven versuchte Anschlag auf die Synagoge in Halle, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hat alle jüdischen Gemeinden in Deutschland aufgewühlt. Für die Menschen, die den Holocaust überlebt haben, brechen viele alte Ängste auf. Sie haben als Kinder und Jugendliche miterlebt, wie Synagogen brannten, Menschen deportiert und ermordet wurden.

Es ist unendlich wichtig, dass die evangelische Kirche gemeinsam mit der katholischen und mit zivilgesellschaftlichen Organisationen die Stimme erhebt gegen Antisemitismus und Rassismus, sich sichtbar auf Seiten der Juden und Jüdinnen stellt. So wie es in verschiedener Form seit dem versuchten Anschlag am 9. Oktober 2019 an vielen Orten geschieht und auch in Gedenkgottesdiensten zu den Novemberpogromen 1938 geschehen wird. Es ist unendlich wichtig. Um aus der Vergangenheit, die nicht vergangen ist, zumindest eine andere Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Als evangelische Kirche Gesicht zeigen und die Stimme erheben gegen jegliche Form von Antisemitismus. So verstehe ich auch das Bibelwort aus dem Jakobusbrief (4,17; Übersetzung Bibel in gerechter Sprache), das dem Gedenktag an die Novemberpogrome zugeordnet ist: »Wer Gelegenheit und Kraft hat, Gutes zu tun, und tut es nicht, sündigt.« Von Melanie Lohwasser

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