Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Die Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Kinderlos kinderreich sein

Die Familie Jesu

Nulf Schade-JamesDer Auferstandene mit offenen Armen. Christusfigur in der Friedenskirche im Frankfurter Gallusviertel.

privatNulf Schade-James ist Pfarrer in der Gemeinde Frieden und Versöhnung im Frankfurter Gallusviertel.

Wenn ich als Kind gefragt wurde, was ich mal werden wolle, kam die Antwort prompt: »So dick wie mein Papa, mit fünf Kindern.« So dick wie mein Papa wurde ich. Doch spätestens als ich erkannte, dass ich nur mit einem Mann glücklich werde, wuchs die Einsicht, dass mir der Kinderwunsch wohl unerfüllt bleiben müsse. Das machte mich traurig: Ich nahm Abschied vom Gedanken, Vater sein zu dürfen. Mit Kindern im Alltag zu leben, das Leben zu entdecken. Spuren zu hinterlassen. Denn als ich jung war, war es unvorstellbar, als Schwuler eine Familie zu haben. Jedenfalls, solange man nicht bereit war, sich selbst total zu verleugnen. Homosexualität war damals noch strafbar.

Fünf oder sogar mehr Kinder waren mir schließlich doch vergönnt. Unsere Familiengründung begann mit David, dem Mann, mit dem ich nun seit 27 Jahren zusammen bin. Und mit einer Gemeinde, die diese Partnerschaft ihres Pfarrers voll akzeptiert, so dass wir 1995 ins Pfarrhaus im Gallus einziehen konnten.

Eines Tages kam Nino in den Konfirmandenunterricht. Ein stiller und schüchterner Junge. Ein Jahr später wurde er konfirmiert. Anschließend tauchte er in das Leben der Gemeinde ein: Jugendtreff, Freizeiten, Gemeindefeste. Irgendwann stand Nino vor mir und sagte: »Wir müssen aus dem Gallus wegziehen. Wir werden obdachlos.« Seine Mutter hatte versäumt, die Miete zu zahlen.

Nino war ein Jahr vor dem Abitur. Ich sah die Verzweiflung in seinen Augen. Und ich dachte: Wir haben Platz im Pfarrhaus. Ich sprach mit David. Er war einverstanden. Der Kirchenvorstand ebenfalls. Kurz vor seinem 18. Geburtstag zog Nino bei uns ein. Zunächst für ein Jahr, damit er sein Abi in Ruhe machen konnte. Am Ende wurden zehn Jahre daraus. Er brachte Freundinnen nach Hause, feierte Erfolge als Programmierer und machte schließlich seinen Master in Informatik. In der Gemeinde war er in all diesen Jahren aktiv und übernahm verantwortungsvolle Aufgaben in der Jugendarbeit und Gemeindeleitung.

Nach Nino kamen andere, die bei uns wohnten: Patenkinder, Kinder aus der Nachbarschaft und dem Freundeskreis. Oft waren sie Familienmitglieder auf Zeit. Immer wieder kam es vor, dass Eltern ihre Kinder zu uns schickten und darum baten, dass sie für eine Zeit bei uns wohnen dürften. Wir dienten als Zweitfamilie, als Erwachsene, die manches bewirken konnten, was ihre Eltern zuvor vergeblich versucht hatten. Oder auch einfach als Familienersatz während eines Praktikums oder Studiums. So kamen Anke, Jan, Malte, Max, Lea, Bojana, Onno, Eva ...

Daneben gab es immer die Gemeinde. Ich erlebe Kirche als eine Familie, zu der alle gehören, die dazugehören möchten. Ja: Gott hat einen eigenen Weg für mich gewählt. Er führte mich in eine Gemeinde, die familiärer nicht sein könnte. Die Familie Jesu.

Inzwischen wissen wir in der Gemeinde, dass wir zusammengehören bis zum Tod und darüber hinaus. Darum haben wir auf dem Friedhof ein Gemeindegrab eröffnet, in dem alle einen Platz finden können, die darum bitten. An diesem Grab steht eine Jesus-Figur, wie sie auch unsere Kirche prägt: Ein segnender Auferstandener, der alle, die den Willen Gottes tun, mit in sein Reich nimmt. Jesus sagt: »Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.« (Markus 3,35) Von Nulf Schade-James

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