Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Jesus ist für alle da, auch wenn die Krise nicht die besten Seiten bei allen hervorbringt

Egozentrik und Hingabe

dpa/APA/picturedesk.com

esz/ArchivAngela Rinn ist Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar in Herborn.

Meine Ärztin ist fassungslos. Das liegt nicht daran, dass sie keine Atemschutzmasken mehr hat. Lieferengpass, das kann in Corona-Zeiten passieren. Nein, sie ist immer noch außer sich, weil sie das mit den fehlenden Masken einer Patientin erzählt und die dann ganz stolz verkündet habe, dass sie 500 Atemschutzmasken im Keller hortet. »Die könnte ich jetzt teuer verkaufen«, hat die Patientin zufrieden erzählt. Auf den Gedanken, ihrer Ärztin einen Teil dieser Atemmasken zu schenken (oder gar alle!), ist die Patientin nicht gekommen. Ist das Gefühllosigkeit, Egoismus, Dummheit oder alles in Kombination?
Corona bringt die besten und die schlechtesten Eigenschaften von Menschen zutage. Egozentrik und Hingabe. In Italien sind bislang mehr Geistliche als Ärzte gestorben, unerschrockene Priester, die ihr Leben verloren haben, weil sie Menschen nicht einsam sterben lassen wollten. Ärztinnen und Pfleger arbeiten bis zur Erschöpfung. Auf der anderen Seite horten Zeitgenossen Atemmasken im Keller.
Manchmal übersteigt es meine Vorstellungen, dass Gott tatsächlich alle seine Geschöpfe liebt. Ich entwickele bei Erzählungen wie denen meiner Ärztin Fantasien, wie eine Hölle für Menschen mit gehorteten Atemschutzmasken aussehen könnte. Während ich mir noch höllische Strafen ausdenke, sieht Gottes Weg anders aus. Jesus hat seine Menschen sehr genau gekannt. Als sie ihm ihre Kleider auf die staubigen Straßen von Jerusalem breiteten, damit sein Esel und er keine dreckigen Hufe und Füße bekommen sollten, da wusste er genau, dass sie bald unter dem Kreuz um seine Kleider würfeln würden. Als sie ihm mit Palmzweigen in den Händen ihr »Hosianna!« zuriefen, da hatte er schon ihr »Kreuziget ihn!« im Ohr. Als Petrus ihm ewige Treue versprach, da hörte er schon den Hahn krähen.
Der Hahn kräht natürlich auch für mich. Denn auch ich erkenne in dieser Corona-Krise meine Schattenseiten. Sicher würde ich keine 500 Atemmasken im Keller horten, aber wer weiß, wozu ich fähig wäre, wenn es hart auf hart kommt. Wenn selbst Petrus sich überschätzt hat, sollte ich mir auf meine eigenen Fähigkeiten nicht allzu viel einbilden. Mag sein, dass ich im Prinzip ein mutiger Mensch bin – meine Lebenserfahrung und die Corona-Krise sagen mir, dass das alles schnell kippen kann und man sich auf seine eigenen Ressourcen plötzlich gerade nicht verlassen kann. Was die hortende Patientin betrifft: Geld – das ist auch eine interessante Botschaft in diesen Zeiten – bewahrt nicht vor Corona. Das Virus trifft reich und arm, wenn auch leider die Armen – wie meistens – schlimmer als die Reichen.
Was mich tröstet: es gibt doch immer diejenigen, die kreativ bleiben, die lachen können, trotz allem, die ermutigen und die im Sinne Jesu weitergehen. Die Ärzte behandeln alle, gleichgültig wie egozentrisch oder altruistisch ihre Patienten vorher waren. Die Pflegerinnen kümmern sich nach ihren Kräften um die, die ihnen anvertraut sind. Kassiererinnen und Marktbeschicker harren aus. Auch die Menschen, die auf den Balkonen gegen die Angst singen, singen unterschiedslos für alle. So wie Jesus für alle da war und ist. Sogar für die Patientin mit dem gehorteten Schatz im Keller. Von Angela Rinn

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