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Schöpfung

Gnadenhöfe geben verwahrlosten Tieren ein Zuhause

Jörn von LutzauKuh auf dem GnadenhofKuh auf dem Gnadenhof

Tierhilfevereine wie die Kellerranch in Südhessen kümmern sich um Vierbeiner, die keiner mehr will oder halten kann. Ein wachsendes Problem ist dabei das Animal-Hoarding. Es dauert, bis die Tiere wieder Menschen vertrauen.

Merlin steht mit gesenktem Kopf da, lässt sich gerne streicheln. Das schwarz-weiß gepunktete Pony kam schon vor vielen Jahren auf die „Kellerranch“ und ist heute ein Liebling auf dem Hof. Die Ranch nahe Darmstadt in Südhessen ist gleichzeitig Tierheim und Gnadenhof. Gnadenhöfe in ganz Deutschland nehmen Tiere auf, die keiner mehr halten kann oder will. Auf der Kellerranch verbringen rund 300 Tiere, die nicht vermittelbar sind, ihren Lebensabend.

„Wir versuchen, ihnen das Vertrauen in die Menschen zurückzugeben“, erklärt Mitarbeiterin Imke Kalbfleisch beim Rundgang durch die kleinen Gassen mit den winterlich dekorierten Holzhütten auf dem Hof. Oft dauere das Wochen oder sogar Monate, auch der 15-jährige Wallach Merlin war am Anfang menschenscheu. Imke Kalbfleisch engagiert sich seit mehr als sechs Jahren im Tierhilfeverein mit rund 500 Mitgliedern, der hinter der Kellerranch steht. Die Arbeit finanziert sich aus Spenden.

Auch Wildtiere leben auf dem Gnadenhof

Wenn die Frau mit dem platinblonden Kurzhaarschnitt über den Hof geht, schaut sie nach jedem Tier: „Na, Neo. Du bleibst auch lieber drin bei dem Wetter“, begrüßt sie den Nerz, der im vergangenem Sommer auf die Ranch kam. Ein anderer Tierschutzverein hatte ihn vermittelt. Der Hof ist in der Umgebung der einzige Ort, der auch Exoten und Wildtiere aufnimmt; hier leben Nandus, Emus, ein Kamel. Ähnliche Einrichtungen gibt es in München, Nürnberg und im niedersächsischen Sachsenhagen.

Eines bereitet den Mitarbeitern besonders Sorge: die vermehrten Fälle von sogenanntem Animal Hoarding (deutsch: Tierhortung). Das bezeichnet ein Krankheitsbild, bei dem Menschen unverhältnismäßig viele Tiere halten, um die sie sich dann nicht kümmern können. Oft verhungern die Vierbeiner oder verenden infolge mangelnder Pflege und Hygiene. Auch Merlin ist zusammen mit anderen Pferden infolge einer sogenannten Beschlagnahmung auf die Kellerranch gekommen.

Tierhortung (Animal Hoarding) ist ein großes Problem

Anfang des Jahres hatte der Deutsche Tierschutzbund eine Datenauswertung für die Jahre 2012 bis 2018 veröffentlicht. Demnach werden tendenziell immer mehr Tierhortungs-Fälle bekannt. Seit Beginn der Dokumentation verzeichnen die Tierschützer 17.055 betroffene Tiere. Vor allem Katzen, Hunde und kleine Heimtiere wie Kaninchen würden massenhaft gehalten.

Erschreckende Zahlen - und die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen, erklärt Lea Schmitz vom Tierschutzbund. Untersuchungen hätten ergeben, dass der Großteil der „Tierhorter“ Frauen sind. Viele seien arbeitslos, lebten gesellschaftlich isoliert. Leider sei das Krankheitsbild bis heute nicht offiziell anerkannt, beklagt die Tierschützerin. Das aber sei wichtig. Denn: „Neben den Tieren braucht auch der Halter dringend Hilfe“, sagt Schmitz.

Warum sammeln Menschen Tiere?

Die Gründe der krankhaften Tiersammlung seien vielfältig. Oftmals beginne die Tendenz zum Horten bereits in der Jugend, erklärt Schmitz. Häufig eskaliere die Situation dann durch einen Schicksalsschlag wie eine Scheidung oder der Tod eines Angehörigen.

Imke Kalbfleisch und ihr Chef Karl-Heinz Keller haben da ihre eigene Theorie: Sie beobachteten, dass die Menschen heute generell weniger empathisch seien. Nach seinen Erfahrungen betreffe das Phänomen des übertriebenen Tiersammelns alle Gesellschaftsschichten, sagt Keller.

„Das geht unter die Knochen“

Mit einigen ehemaligen Tierhaltern bleiben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kontakt, um beratend für die verbliebenen Tiere zur Seite zu stehen. Das setzt natürlich voraus, dass Frauchen oder Herrchen einsichtig sind. Das sei leider längst nicht immer der Fall, sagt Imke Kalbfleisch. Und oft gebe es trotz Beschlagnahmung kein generelles Halteverbot.

Vor der Kamel-Koppel erzählt Ranch-Leiter Keller von der letzten Räumung: Auf einem Gelände in Weiterstadt hatten sein Team und er drei Pferde vor dem sicheren Tod gerettet. „Die standen auf Beton in ihrer eigenen Scheiße und Pisse“, sagt Keller. „Da kriegste Gänsehaut. Das geht unter die Knochen.“

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