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Was die Hure Rahab im Neuen Testament verloren hat

Gott im Rotlichtviertel

picture alliance/imageBROKERDie Hure Rahab lässt zwei israelitische Spione an einem Seil herab und rettet sie so vor den Soldaten unten an der Tür. Holzschnitt aus einer katholischen Bilder-Bibel.

privatAnna Berting studiert evangelische Theologie in Leipzig. Sie hat ein Praktikum bei der Evangelischen Sonntags-Zeitung gemacht.

Wenn ich in der Bibel lese, blättere ich über manche Stellen meistens einfach hinweg. Zum Beispiel über die zeilenlangen Aufzählungen von fremd klingenden Namen. Da fallen mir schnell die Augen zu. Auch im Matthäus-Evangelium habe ich die ersten Verse immer übersprungen. Sie bestehen aus Namen aus dem Alten Testament: »Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab« und so weiter. Auf den ersten Blick: langweilig. Auf den zweiten: Querverweise auf Geschichten, die von diesen Personen vorher in der Bibel erzählt wurden und die irgendwie von Bedeutung sind für den, der am Ende der Auflistung steht: Jesus Christus.

Einer dieser Namen ist Rahab. Sie ist eine von nur vier Frauen, die es auf die Liste geschafft haben. Ihre Geschichte steht im Alten Testament, im Buch Josua. Die Israeliten nehmen das Land ein, das Gott ihnen versprochen hat. Rahab gehört zu denen, die schon vorher da waren. Eigentlich hätte sie so wie ihre Landsleute vertrieben oder getötet werden müssen. Stattdessen wird sie, die Nicht-Israelitin, zu einer Stammmutter von König David, König Salomon und schließlich von Jesus. Wie kommt das?

Rahab arbeitet als Prostituierte in Jericho. Als Josua, der Anführer der Israeliten, zwei Männer losschickt, um das versprochene Land auszukundschaften, kehren sie bei ihr ein. Ihr Besuch bleibt nicht lange unbemerkt. Schon sind Leute des Königs von Jericho unterwegs, um die Eindringlinge bei Rahab zu verhaften.

Aber die Hausherrin liefert die beiden Männer nicht aus. Stattdessen versteckt sie sie, schickt die Verfolger auf eine falsche Fährte und lässt die Männer aus dem Fenster entkommen. Sie hat erkannt, dass Gott ihr Land und ihre Stadt in die Hände dieser Israeliten gegeben hat. Und sie ist klug. Bevor die beiden Spione zurück zu Josua fliehen, nimmt sie ihnen einen Eid ab. Wenn die Israeliten die Stadt erobern, sollen sie und ihre Familie als Dank für die Rettung verschont bleiben. (Josua 2,1-21) So geschieht es. Von da an darf sie unbehelligt unter dem Volk der Eroberer leben und wird nach dem Matthäus-Evangelium eine Vorfahrin Jesu. Eine Prostituierte als Ahnin des Erlösers? Anstößig. Auch ihr sonstiges Verhalten kommt einem nicht besonders tugendhaft vor. Sie verrät ihr Volk und handelt zu ihrem eigenen Vorteil. Sie lügt. Aus Sicht der Erzählung zeichnet sie aus, dass sie sich auf die Seite der Israeliten geschlagen hat.

Zwischen den Zeilen steht noch etwas anderes. Sie ist eine Frau, die ihren eigenen Weg geht. Sie hängt nicht an Konventionen, sondern erfasst blitzgescheit die Situation. Sie lebt und handelt eigenverantwortlich. Dadurch rettet sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben ihrer ganzen Familie. Und sie ist eine Frau, die vertraut: auf ihre Intuition, dass die fremden Männer siegen werden und ihr Versprechen einhalten. Und sie vertraut auf den Gott der Fremden, von dem sie eine wunderliche Geschichte gehört hat: Er soll das Schilfmeer geteilt haben, um die Israeliten vor den ägyptischen Verfolgern zu retten. Rahab. Eine unkonventionelle, selbstständige Frau. Nicht perfekt, und trotzdem will Matthäus sie in der Ahnenreihe seines Evangeliums haben. Ihr Name geht ein in die Geschichte Jesu und macht deutlich: Gerade sie gehört zu seiner Familie. Die starke Frau vom Rand der Gesellschaft, die sich was traut.Von Anna Berting

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