Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

Angebote und Themen

Die Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Singen und glauben haben etwas gemeinsam: Es hat keinen Sinn, sie zu erzwingen

Ich singe, also bin ich

picture-alliance / KPADie drei singenden Mönche Benno (Michael Gwisdek, links), Arbo (Daniel Brühl) und Tassilo (Matthias Brenner) im Film »Vaya con Díos« auf ihrem Weg nach Italien.

privatSusanne Rohn ist Kantorin an der Erlöserkirche in Bad Homburg vor der Höhe.

In dem Film »Vaya con Díos« aus dem Jahr 2002 geht es um einen fiktiven Orden der Cantorianer. Dessen Credo: »Wir glauben, dass wir Gott am nächsten sind, wenn wir singen.« Der Orden besteht nur noch aus dem hochbetagten Abt und drei Mönchen. Der Abt stirbt, die Mönche müssen raus aus dem Kloster. Sie machen sich zu Fuß auf den Weg zu ihrem Mutterkloster in Italien. Der Film ist ein Roadmovie mit vielen lustigen Szenen, in denen die bis dahin weltfernen Mönche auf die Wirklichkeit draußen treffen. Auf ihrer Reise stellen sich die drei sympathischen Klosterbrüder zu ihren Gebeten einfach irgendwo hin und singen wunderschön: in einem verlassenen Steinbruch ebenso wie zwischen den Gleisen zweier aneinander vorbeirasender Schnellzüge. Ohne Hilfsmittel stehen sie da, ohne Instrument. Nur mit sich selbst, mit ihren Gefährten, mit Gott.

Ich selber singe auch für mein Leben gern. Schon früh haben meine Eltern mit mir auf Wanderungen und zu Hause dreistimmig gesungen. Als Zwölfjährige quengelte ich so lange, bis ich in den Erwachsenen-Dorfkirchenchor gehen durfte. Mit 14 durfte ich zur Kantorei in der Kreisstadt. Ein kleines Unglück war der Auslöser, warum ich mit Stimmbildung begann. Ich hatte mit 17 eine Sehnenscheidenentzündung und konnte eine Zeit lang nicht Orgel spielen. So füllte die Kantorin die Orgelstunden mit Gesangsübungen. Als Nebenprodukt begann also meine sängerische Laufbahn. Wenn ich in der kalten Kirche beim Orgelüben ab und zu von der Orgelbank aufstehen musste, um mich zu strecken, habe ich die Pause mit Gesang in der leeren Kirche gefüllt.

Singen lernt man nur durch singen. Das merke ich zurzeit besonders, während ich in einem sechswöchigen Sabbatical in Ungarn die Proben der dortigen Kinderchöre anhöre. Die Kinder der Kodály-Musik-Grundschulen singen so unglaublich schön, weil sie es jeden Tag tun. Für sie ist Singen ein natürlicher Teil des Lebens wie atmen, essen oder rennen. In meinem Dirigier-Unterricht an der Mainzer Musikhochschule dagegen passiert es öfters, dass 20-jährige Studenten ohne Sing-Erfahrung zu mir kommen. Sie bedauern es selbst und genießen das gemeinsame Singen im Kleingruppenunterricht.

»Quis cantat bis orat« – wer singt, betet doppelt. Dieser Satz wird zwar fälschlicherweise dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, inhaltlich bewahrheitet er sich jedoch seit Jahrhunderten. Die geistlichen Texte, die ich gesungen habe, habe ich in mir. Diesen Schatz kann mir niemand nehmen. Das gilt auch dann, sollte ich mal nicht mehr singen können, weil Trauer mir die Kehle zuschnürt oder eine Krankheit mir die Stimme raubt.

Wir sollten darauf achten, dass unsere Kinder früh Zugang zum Singen bekommen, in einer Phase, in der solche Einschränkungen in aller Regel noch keine wesentliche Rolle spielen. Der große ungarische Pädagoge Zoltán Kodály schrieb 1925: »Es ist wichtiger, wer in einer Dorfschule der Gesangslehrer ist, als wer in der Hauptstadt der Operndirektor.«

Beim Singen-Üben hat es keinen Sinn oder ist sogar kontraproduktiv, etwas zu forcieren. Man muss darauf vertrauen, dass die Stimme sich entwickelt. So ist es auch beim Glauben, der auch wachsen muss. Wenn er dagegen erzwungen wird, kann es ungesund werden. Singen und glauben – zwei Schätze, die wir in uns tragen und die aus unseren Personen hinausströmen (»personare« bedeutet wörtlich übersetzt »hindurchklingen«). Wie bei den Mönchen in »Vaya con Díos«.

Von Susanne Rohn

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top