Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Häftlinge und Gäste spielen im Gefängnis Fußball – eine Ahnung von Advent spielt mit

Kicken im Knast

Öffentlichkeitsarbeit der EKHNDas Gäste-Team beim Fußballturnier in der Justizvollzugsanstalt IV in Frankfurt. Peter Noss mit Ball in der Mitte, rechts neben ihm mit Kreuz Gefängnispfarrerin Lotte Jung.

privatPeter Noss ist Pfarrer für Ökumene und Partnerschaften im Dekanat Wetterau.

Vor kurzem war ich mit meinem Fußballteam in der Justizvollzugsanstalt IV in Frankfurt-Preungesheim eingeladen. Ich wohne nicht weit und fahre mit dem Rad dorthin. Das ist für mich ein Stück Freiheit. In ein Gefängnis kommt man nicht so einfach rein. Meine Personaldaten werden vorher geprüft. An der Gefängnispforte gebe ich meinen Personalausweis ab. Ein Gefängnisbediensteter kontrolliert mich wie am Flughafen. Seine Kollegin begleitet mich durch die Gänge zur Turnhalle. Ständig schließt sie Türen auf und hinter uns wieder zu. Auch die Umkleidekabine sperrt sie hinter uns ab.

Das Fußballspiel ist für uns Gäste von draußen und für unsere Gastgeber drinnen ein Erlebnis. Klar, es ist Sport wie sonst auch. Steile Pässe, Tore, Niederlagen und ein Sieg. Aber doch ist alles anders.

In der Mittagspause machen wir einen Rundgang durch das hochmoderne Gefängnis. Klinisch weiße Gänge. Hinter den dicken Metalltüren die Gefangenen, nicht sichtbar. Es gibt besondere Arrestzellen mit turnmattenähnlichen Betten, der Schlafanzug aus Papier, Stühle verschraubt, kein Platz für Intimität. Es ist still auf den Fluren. Immer wieder schaue ich nach oben zu den Kameras an der Decke. Ich werde beobachtet. Ständig. Kein Schritt, der nicht gesehen wird. Wie hält man das aus? Wo ist hier Hoffnung?

Es gibt einen Andachtsraum im Gefängnis. Er ist hell und weit, trotz des Betons. Rechts neben dem Holzaltar ein großes Fenster, das bis zum Boden reicht. Das einzige Fenster im Gefängnis ohne Gitter. Die Seelsorgerin Lotte Jung erzählt, die Häftlinge sind davon magisch angezogen, denn hier weitet sich der Horizont. Im Gottesdienst verdrückt sich immer wieder einer eine Träne. Es ist viel Ohnmacht in und zwischen diesen Mauern. Eingesperrt sein ist eine Qual. Auch wenn die Haft ihren Grund hat, es ist hier nicht leicht, menschlich zu bleiben. Für die Insassen und für die Bediensteten.

Wir kommen zurück in die Turnhalle. Das Fußballturnier geht weiter. Ich spiele mit einer anderen Haltung. Die Gegner im letzten Spiel sind Häftlinge. Alle sind ehrgeizig, aber fair. Wir gewinnen knapp. Dann der Schlusspfiff, Shakehands und ein Dank für das Spiel, Lachen, Smalltalk.

Das Leid, das sich hier ballt in Taten, Strafen und Schicksalen, ist nicht wegzureden oder zu überspielen. Aber es bricht etwas auf, ganz adventlich. Beim Fußballspielen, beim Reden. Das Ziel ist noch nicht erreicht, wir sind noch unterwegs in der Dunkelheit, doch ein wenig Licht fällt schon hinein. Einer hofft auf Freiheit, der andere auf Gnade und Vergebung. Ein anderer sehnt sich nach Erlösung vom Leiden für sich selbst und für den, dem er Leid angetan hat. Freiheit, Gnade, Vergebung, Erlösung. Das sagt Gott zu. Dafür kommt Gottes Sohn in die Welt. Der Glaube daran ist ein Geschenk, das hilft, drinnen wie draußen.

Als ich gehe, vergesse ich meinen Ausweis und den Fahrradhelm. Mir fällt das erst auf dem Weg ein. Ein Stück Identität und Schutz habe ich dort gelassen, meine Freiheit habe ich schon wieder. Am nächsten Tag hole ich an der Pforte meine Sachen ab, denke an das Spiel gestern. Ich bete. Da ist Weihnachten näher gerückt.

Von Peter Noss

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