Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Die Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Der Fleck auf dem Hemd des anderen sticht sofort ins Auge

Bekleckert

PeskyMonkey/iStockDer Heiligenschein sieht fromm aus. Aber der Mann schaut von oben herab.

Nicole Kohlhepp/MedienhausMartin Vorländer ist Pfarrer und Theologischer Redakteur der Evangelischen Sonntags-Zeitung.

Es gibt Leute, bei denen kann man am Hemd ablesen, was diese Woche auf dem Speiseplan steht«, mache ich mich in der Kantine über einen Mann am Nachbartisch lustig, der sich bekleckert hat. Flatsch! Meine Krawatte fällt in die Tomatensoße auf meinem Teller. Nun sitze ich bekleckert da. Meine Kollegen lachen. Und ich denke: Danke, lieber Gott, für diese prompte Lektion!

Man rutscht schnell hinein in das Denken, sich selbst für besser zu halten als andere. Dazu erzählt Jesus eine Geschichte (Lukas 18,9-14). Zwei Menschen gehen hinauf zum Tempel in Jerusalem, um zu beten , der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer macht alles richtig. Sein Glaube ist keine leere Formel. Er lebt ihn im Alltag und beschreibt in seinem Gebet , was er alles tut: Er fastet zweimal pro Woche. Er spendet den zehnten Teil von allem , was er einnimmt. Er gehört also nicht zu denen, die Wasser predigen und Wein trinken.

Sein Problem ist: Er hält sich für zu fromm. Im Jerusalemer Tempel, dem Ort für Gottesbegegnung und Sündenvergebung, stellt er sich hin und betet: »Ich danke dir, Gott.« So weit, so gut. Aber jetzt kommt’s: »Dass ich nicht bin wie die andern Leute.« Er zählt auf, was er Gott sei Dank nicht ist: kein Räuber, kein Ungerechter, kein Ehebrecher und auch nicht wie dieser Zöllner da hinten. Der Pharisäer merkt dabei nicht, dass er Beten ins Gegenteil verkehrt. Statt Gott zu loben, betreibt er Werbung in eigener Sache und das auch noch auf Kosten von anderen. Er stellt sich groß dar und schaut auf Leute wie den Zöllner herab.

Der betet ganz anders. Ausgerechnet der. Zöllner sind die Heuschrecken von damals. Sie profitieren von dem ungerechten Steuersystem der Römer. Sie treiben für die Römer Geld ein und schlagen auf den Steuersatz noch eins drauf, um sich selbst zu bereichern. Erstaunlich, dass sich so einer überhaupt in den Tempel unter die Leute traut.

Er steht abseits. Aber wie der Pharisäer sucht auch er im Gebet die Nähe Gottes. Er glaubt: Gott vergibt sogar einem wie ihm. Er schaut nicht auf, sondern senkt beim Beten die Augen. Er schämt sich. Er zeigt nicht auf andere, die noch schlimmer sind als er, die bösen Römer, die bösen Umstände. Er schlägt sich an die eigene Brust. Sein Gebet ist kurz: »Gott, sei mir Sünder gnädig!« Der Satz drückt aus, wie er sich selbst sieht. Und wie er Gott sieht. Er weiß, was er falsch macht. Und er weiß, dass Vergebung allein Gottes Sache ist. Er sucht keine Ausflüchte, er macht Gott keine Angebote à la »Wenn du mir noch einmal vergibst, dann will ich mich bessern – versprochen!«. Er bittet nur: »Gott, sei mir Sünder gnädig!«

Von dem Zöllner sagt Jesus: »Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus«, der Pharisäer nicht. »Haus« meint die Menschen, mit denen der Zöllner lebt und zu tun hat. Das ist ein Hinweis darauf: Nach seinem Gebet »Gott, sei mir Sünder gnädig!« kann der Zöllner nicht einfach so weitermachen wie bisher. Beten verändert.

Nun könnte ich am Ende der Geschichte aufatmen: »Gott sei Dank bin ich nicht wie dieser Pharisäer! Ich denke nicht so verächtlich über andere.« Tja, nur damit würde ich mit dem Finger auf den Pharisäer und dessen befleckte Weste zeigen. Flatsch! Meine Krawatte läge schon wieder in der Tomatensoße.

Von Martin Vorländer

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