Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Die Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Auswendig gelernte Worte helfen, wenn das Leben einem die Sprache verschlägt

Fremder vertrauter Klang

PeopleImages/iStockEin Tischgebet. Mal ohne viel Nachdenken, mal sehr bewusst gesprochen.

Zentrum Verkündigung/Markus ZinkDoris Joachim ist Pfarrerin und Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Sie ist auf dem Weg in den Gottesdienst – die alte jüdische Dame in einer Seniorenresidenz in Frankfurt. 96 ist sie. Es ist Sabbatabend. Der Rabbi hat sie eingeladen. Seit sie da wohnt, geht sie immer in den Sabbatgottesdienst. Dem Rabbi zuliebe, sagt sie. Ihre alten Augen leuchten. Ein Fernsehteam begleitet sie bis zur Tür. Ob sie oft betet, wird sie gefragt. »Beten? So ein Quatsch. Ich gehöre einfach dazu. So ist das Leben.« Sagt’s, verschwindet in der Synagoge und lauscht dem fremden vertrauten Klang der hebräischen Worte. Vielleicht wird sie einige mitmurmeln. Sie weiß nicht, wie das geht: beten. Sie tut’s einfach. Weil sie dazu gehört. Das erleichtert das Herz.

In seinem Roman »Tausend strahlende Sonnen« erzählt Khaled Hosseini über den Mullah Faizallah in Afghanistan. Der gibt der kleinen Mariam Koranunterricht. Einmal sagt er ihr, dass er den Sinn der arabischen Worte im Koran eigentlich nicht verstehe. Aber er liebe ihren Klang. Sie trösten ihn. Sie stärken ihn. »Auch dich werden sie trösten, Mariam«, sagt er. »Du kannst sie aufrufen, wenn du Kummer hast. Und du wirst nicht enttäuscht sein, denn Gottes Worte täuschen nie, mein Mädchen.«

Szenenwechsel: Mittagsgebet in meiner Kirche. Mehrere Wochen hintereinander dieselben Gebete, Bibelworte und Lieder. Viele kenne ich auswendig. Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Spreche die Worte irgendwie mit. Verstehe nicht wirklich. Wie geht das eigentlich – beten? Manchmal weiß ich es nicht. Aber ich tu es trotzdem. Der Klang macht mich froh. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum. Gottes Wort wirkt. Ich gehöre dazu. Drei Geschichten aus drei Religionen. Judentum, Islam, Christentum. Alle haben Worte, die wir aufrufen können, wenn wir Kummer haben. Worte, die wir nicht immer verstehen müssen. Der Theologe Fulbert Steffensky meint: »Sie sind die Notsprache, wenn uns das Leben die Sprache verschlägt.« Auswendig gelernte Worte, deren Klang uns tröstet und unsere Seele erquickt. Gut, wenn wir solche Worte haben. Sie werden wirken. Sie helfen uns, zu lieben und das Gute zu tun. Denn das Geheimnis der guten Tat liegt im Gebet.

Das wissen auch die Betenden des 19. Psalm. Er ist der Wochenpsalm für diesen Sonntag.

»Die Weisung des EWIGEN ist vollkommen und erquickt die Seele.

Das Zeugnis des EWIGEN ist gewiss und macht die Unverständigen weise.

Die Befehle des EWIGEN sind richtig und erfreuen das Herz.

Die Gebote des EWIGEN sind lauter und erleuchten die Augen.«

Von Doris Joachim

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