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Der Heilige Martin, der große Mantel-Teiler, ist auch ein legendär sympathischer Drückeberger

Gänsestall-Momente

pixabayWenn du geschwiegen hättest, liebe Gans!

Nicole Kohlhepp / eszMartin Vorländer ist Pfarrer und Theologischer Redakteur der Evangelischen Sonntags-Zeitung.

Die Gänse sind schuld. Wären sie nicht gewesen, hätte Martin Asket und Einsiedler bleiben können und wäre nicht Bischof von Tours geworden. Vielen seiner Kollegen wäre das sehr recht gewesen. Der Klerus im Jahr 372 ist gegen ihn. Sie finden Martin zu eigenbrötlerisch, zu christlich konsequent, einfach zu heilig. Aber die Einwohner von Tours wollen keinen anderen als Martin zu ihrem Bischof. Nur: Martin will nicht. Der Legende nach verkriecht er sich in einem Gänsestall, damit ihn keiner findet. Aber die Gänse verraten mit ihrem Schnattern sein Versteck. Nun kann er nicht anders. Er muss raus und sich der Aufgabe stellen, die die Leute ihm antragen. Den Gänsen ist diese Geschichte nicht gut bekommen. Sie büßen ihren lautstarken Verrat noch heute in vielen Backöfen.

Einer, der sich verkriecht und verkrümelt, der vor dem Amt und vor der Verantwortung wegläuft, wird Bischof. So einen Drückeberger würde man heute vermutlich nicht für bischofstauglich halten. Ein Kandidat für einen Leitungsposten, den man erst aus dem Stroh herausziehen muss, hat eher schlechte Chancen.

Aber ich finde sympathisch, dass auch ein großer Heiliger sich mal kräftig gedrückt hat. Viele kennen solche Gänsestall-Momente. Ich erinnere mich, wie meine Mutter mich kleinen Steppke das erste Mal zum Kindergarten gebracht hat. »Da gehst du ab morgen jeden Tag hin!«, hat sie gesagt. Schluck! Ich hatte einen Kloß im Hals und ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Raus aus der familiären Nestwärme, hinein in die kalte Welt, allein unter lauter unbekannten Kindern. Lernen, wie man Schnürsenkel bindet und wie man Fremde zu Freunden macht.

Auch als Erwachsener kenne ich den Reflex, mich vor einer neuen Aufgabe oder vor einer unerwarteten Situation erstmal verkriechen zu wollen. Wenn ich eine neue Stelle angetreten habe, bin ich oft vorher in eine offene Kirche auf dem Weg gewitscht. Ein kleiner Schlenker, noch mal kurz abtauchen, bevor ich mich dem Neuen gestellt habe.

Ich nenne es das Martin-Gänsestall-Prinzip: ehrlich zu sein, dass einen vor manchen Aufgaben erst einmal die Furcht ergreift. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, aber auch ein Schrecken. Es schadet nicht, Respekt zu haben vor der Verantwortung, die eine Aufgabe, eine neue Stelle, ein neuer Lebensabschnitt mit sich bringt. Die weichen Knie von Braut und Bräutigam vor dem Altar, wenn sie für ein ganzes Leben Ja zueinander sagen. Die Geburt eines Kindes, für das man als Eltern Sorge trägt und nicht weiß, wie man dabei abschneiden wird. Die Pflege eines Angehörigen, der oder die nicht mehr alleine kann. Solche neuen Situationen fordern heraus und wollen erst einmal verkraftet werden.

Freilich kann man nicht ewig im Gänsestall bleiben. Irgendwann muss man raus und sich der Welt stellen. Die Gänse mit ihrem Schnattern haben Martin verraten. Er kam aus seinem Versteck und wurde ein legendär guter Bischof. Er hat sich nicht im Amt verbiegen lassen. Martin war weiter aufrichtig, bescheiden, menschennah. So erzählt es zumindest seine Legende.

Viele Kinder mit ihren Laternen besingen ihn heute als den, der mit einem Bettler seinen Mantel geteilt hat. Aber er ist eben auch der Heilige aus dem Gänsestall.

Von Martin Vorländer

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