Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH

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Das Medienhaus – Zentrum für evangelische Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau GmbH – ist eine gemeinnützige Gesellschaft und die zentrale Adresse für Publizistik und Medienarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Marienlieder gegen das Vergessen

Mutterliebe

anaterate/pixabay.comEine Madonna aus Keramik.

Müller Eltville/privatPfarrerin Clarissa Graz vertritt die Diakonie Hessen im Evangelischen Büro am Sitz der Landesregierung.

Sie singt. Kindlich-seliglich: »Segne Du, Maria, segne mich, Dein Kind. Dass ich hier den Frieden, dort den Himmel find!« Sie holt Luft für die zweite Liedzeile: »Segne all mein Denken, segne all mein Tun. Lass in Deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!« Sie singt mit frommer Inbrunst, während sie sich tapfer durch den Alltag kämpft, damit niemand etwas merkt: zwischen Zetteln und Listen, säuberlich notierten Telefonnummern und aus der Zeitung ausgeschnittenen Bildern von Lebensmitteln, die sie einkaufen will. Sie singt Marienlieder gegen das Vergessen, denn sie vergisst so viel. Aber jetzt ist Mai, und Mai ist gut. Da hat sie Geburtstag. Da feiert sie Namenstag. Da sieht sie die Kinder und Enkel. Das hofft sie jedenfalls. Sie hat sich viel vorgenommen und will an alles denken.

Sie singt wie früher als Kommunionkind. Die Marienlieder sind tief in ihrem Herzen verankert, sie kann sie auswendig. Wenn sie singt, sieht sie glücklich aus. Das ist selten geworden. Denn sie merkt, was niemand merken soll. Dabei merken es alle, sogar das jüngste Enkelkind: »Die Oma ist seltsam!« Im Arztbrief heißt das so: »Frontotemporale Alzheimer-Demenz.« Immer wieder buchstabiert sie das Wort, und dann versteckt sie den Brief, um zu vergessen, was da steht. Aber sie vergisst es nicht, noch nicht. Sie hat Angst. Deswegen singt sie. Singen hilft.

»Bald ist Muttertag, da lade ich euch ein!«, sagt sie. Tochter und Sohn hatten es befürchtet und insgeheim gehofft, dass sie das Datum vergisst. Sie telefonieren, wer am Muttertag hinfährt. »Mein Terminkalender ist voll!« – »Meiner erst recht!« Sie wissen genau, wer dran ist mit Wochenenddienst. Sie erklären sich gegenseitig, dass sie nichts vom Muttertag halten: »Den haben doch die Nazis total verdorben. Und überhaupt, der ganze Kommerz!« Sie wollen es gut machen mit der Mutter. Aber es ist nicht immer einfach zu entscheiden, was gut ist und gut wäre. Und was ihnen beiden gut täte. Als Geschwister, als Kinder einer Mutter, die sie vergessen wird, als Eltern eigener Kinder. Sie wissen nicht, wohin mit ihrer Sehnsucht nach Mutterliebe, dem Gefühl, in den Armen der Mutter geborgen und beschützt zu sein, sich nicht immerzu kümmern zu müssen, sondern im eigenen Kummer gehalten zu werden.

»Segne Du, Maria, alle, die mir lieb. Deinen Muttersegen ihnen täglich gib! Deine Mutterhände breit auf alle aus. Segne alle Herzen, segne jedes Haus!« So singen sie am Muttertag alle gemeinsam in der kleinen katholischen Kirche, in die die Mutter wieder geht, seitdem ihr evangelischer Mann vor einigen Jahren gestorben ist. »Da bin ich daheim!«, sagt sie.

Und plötzlich fühlen sich dort alle zu Hause. Die Tochter, Pfarrerin, der Sohn, Psychiater, die fünf evangelischen Enkel und die katholische Austauschschülerin. Mittendrin eine glückliche Frau, die kindlich-seliglich singt und sich der anvertraut, die ihr von Kindesbeinen an Mutter ist und ihren Muttersegen denen schenkt, die sich ihr anvertrauen.

Von Clarissa Graz

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