Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH

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Über alle Grenzen hinweg: Der Koreaner und die Ballersbacherin verstehen sich

Wegfahrsperre mit rollendem R

Seohwa-Kim/iStockKoreanisch. Gut, dass ein Herz dabei ist. Sonst würde man nichts verstehen. Ähnlich unverständlich ist Ballersbacher Platt für einen Koreaner.

privatAnnegret Puttkammer ist Pröpstin für Nord-Nassau.

Der Koreaner hatte in dem kleinen Ort Ballersbach im Dillkreis übernachtet, also mittendrin in Nord-Nassau. Dort, wo man noch so richtig Dialekt spricht. Am Morgen verließ der Mann die Gaststätte und wollte zu seinem Geschäftstermin. Doch sein Auto sprang nicht an. Wieder und wieder versuchte er zu starten. Erfolglos. Meine Nachbarin hörte, wie er und der Motor sich quälten. Sie hatte eine Vermutung, woran es liegen könnte. Sie klopfte an die Wagenscheibe und erklärte ihm: »Das ist die Wegfahrsperre!« Der Koreaner blickte unverständig. Er konnte zwar etwas Deutsch, aber meine Nachbarin spricht waschechtes Ballersbacher Platt mit extrem gerollten R. Eingefärbt in diesen Dialekt und gleich mit drei gerollten R klingt »Wegfahrsperre« selbst für deutsche Ohren arg seltsam.

Für den Koreaner war es komplett unverständlich. Er schaute meine Nachbarin mit großen Augen an. Sie probierte es etwas lauter: »Es ist die Wegfahrsperre!« Doch so laut sie auch sprach, er verstand sie selbst bei der dritten Wiederholung nicht. Was tun?

Meine Nachbarin streckte die Hand aus. Sie zeigte auf den Autoschlüssel und dann auf ihre Handfläche. Der Mann händigte ihr tatsächlich den Autoschlüssel aus. Sie drückte mehrmals auf den elektronischen Türöffner und reichte den Schlüssel zurück. Der Koreaner betätigte vorsichtig die Zündung. Gleich beim ersten Versuch sprang der Wagen an. Der Gast aus Asien atmete auf. Zufrieden nickten sich die beiden zu, und er fuhr winkend davon.

Später erzählte mir die Nachbarin lachend von der morgendlichen Rettungsaktion. Und ich dachte: Das ist wirklich eine kleine Pfingstgeschichte! Zuerst verhindert eine babylonische Sprachverwirrung aus Koreanisch, Deutsch und Dialekt, dass ein Problem gelöst werden kann. Doch nach einem Geistesblitz kann dem Mann geholfen werden – über alle Sprachgrenzen hinweg.

Beim ersten Pfingstfest erlebten die Jünger in Jerusalem ganz Ähnliches. Sie waren nach Ostern verängstigt und scheuten den Kontakt mit anderen Menschen. Doch dann – sie konnten selbst kaum erklären, wie das geschah – bekamen sie Mut. Innere Kraft. Klarheit. Sie wagten sich auf die Straße und fingen an zu reden. Wie befreit sprudelte aus ihnen heraus, was sie mit Jesus erlebt hatten und wie Gott ihn vom Tod auferweckt hatte. Menschen aus aller Herren Länder hörten ihnen zu, und irgendwie verstanden sie alle alles, obwohl Petrus und seine Freunde Aramäisch sprachen. Das konnten sie sich nur so erklären: Gottes Geist fegt die Sprachbarrieren weg.

50 Tage nach Ostern ließ das Pfingstwunder halb Jerusalem staunen. Auf solch ein Wunder hoffe ich auch 2018. Vielerorts feiern Protestanten, Katholiken und Freikirchler ja schon miteinander Gottesdienst. Doch wie wunderbar wäre es, wenn noch viel mehr gemeinsames Verständnis füreinander möglich würde: zwischen Christen, Muslimen und Atheisten, Hindus, Juden und Agnostikern … Die Erinnerung an das Pfingstgeschehen in Jerusalem und auch kleine Sprachwunder wie in Ballerbach lassen mich hoffen, dass Gottes Geist tatsächlich Verstehen schenkt.

Von Annegret Puttkammer

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